Morgendliche Rede an den Baum Griehn Bertolt Brecht
Bertolt Brecht (10. Februar 1898 Augsburg – 14. August 1956 Ost-Berlin) Morgendliche Rede an den Baum Griehn 1 Griehn, ich muß Sie um Entschuldigung bitten. Ich konnte heute nacht nicht einschlafen, weil der Sturm so laut war. Als ich hinaus sah, bemerkte ich, daß Sie schwankten Wie ein besoffener Affe. Ich äußerte das. 2 Heute glänzt die gelbe Sonne in Ihren nackten Ästen. Sie schütteln immer noch einige Zähren ab, Griehn. Aber Sie wissen jetzt, was Sie wert sind. Sie haben den bittersten Kampf Ihres Lebens gekämpft. Es interessieren sich die Geier für Sie. Und ich weiß jetzt: einzig durch Ihre unerbittliche Nachgiebigkeit stehen Sie heute morgen noch gerade. 3 Angesichts Ihres Erfolges meine ich heute: Es war wohl keine Kleinigkeit, so hoch heraufzukommen Zwischen den Mietskasernen, so hoch herauf, Griehn, daß Der Sturm so zu Ihnen kann wie heute nacht. Aus: Hauspostille Erste Lektion: Bittgänge
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